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Ausrufung der Republik durch Karl Liebknecht

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Nach der Niederlage im Ersten Weltkrieg und der anschließenden Novemberrevolution wurde das Deutsche Kaiserreich gestürzt und die Demokratie ausgerufen. Am 9. November 1918 wurde die Republik zweimal ausgerufen, weil die Arbeiterbewegung in zwei Lager gespalten war. Nachdem SPD-Politiker Philipp Scheidemann die parlamentarische Demokratie ausgerufen hatte, proklamierte Spartakusbund-Mitglied Karl Liebknecht wenig später die sozialistische Republik, die ein Rätesystem nach Vorbild Russlands beabsichtigte.

Ausrufung der Republik durch Karl Liebknecht

Parteigenossen, begann Liebknecht, „der Tag der Freiheit ist angebrochen. Nie wieder wird ein Hohenzoller diesen Platz betreten. Vor 70 Jahren stand hier am selben Ort Friedrich Wilhelm IV. und mußte vor dem Zug der auf den Barrikaden Berlins für die Sache der Freiheit Gefallenen, vor den 50 blutüberströmten Leichnamen seine Mütze abnehmen. Ein anderer Zug bewegt sich heute hier vorüber. Es sind die Geister der Millionen, die für die heilige Sache des Proletariats ihr Leben gelassen haben. Mit zerspaltenem Schädel, in Blut gebadet wanken diese Opfer der Gewaltherrschaft vorüber, und ihnen folgen die Geister von Millionen von Frauen und Kindern, die für die Sache des Proletariats in Kummer und Elend verkommen sind. Und Abermillionen von Blutopfern dieses Weltkrieges ziehen ihnen nach. Heute steht eine unübersehbare Menge begeisterter Proletarier an demselben Ort, um der neuen Freiheit zu huldigen. Parteigenossen, ich proklamiere die freie sozialistische Republik Deutschland, die alle Stämme umfassen soll, in der es keine Knechte mehr geben wird, in der jeder ehrliche Arbeiter den ehrlichen Lohn seiner Arbeit finden wird. Die Herrschaft des Kapitalismus, der Europa in ein Leichenfeld verwandelt hat, ist gebrochen. Wir rufen unsere russischen Brüder zurück. Sie haben bei ihrem Abschied zu uns gesagt: „Habt Ihr in einem Monat nicht das erreicht, was wir erreicht haben, so wenden wir uns von Euch ab.“ Und nun hat es kaum vier Tage gedauert.“

„Wenn auch das Alte niedergerissen ist“, fuhr Liebknecht fort, „dürfen wir doch nicht glauben, daß unsere Aufgabe getan sei. Wir müssen alle Kräfte anspannen, um die Regierung der Arbeiter und Soldaten aufzubauen und eine neue staatliche Ordnung des Proletariats zu schaffen, eine Ordnung des Friedens, des Glücks und der Freiheit unserer deutschen Brüder und unserer Brüder in der ganzen Welt. Wir reichen ihnen die Hände und rufen sie zur Vollendung der Weltrevolution auf.

Wer von euch die freie sozialistische Republik Deutschland und die Weltrevolution erfüllt sehen will, erhebe seine Hand zum Schwur.“ (Alle Hände erheben sich und Rufe ertönen: „Hoch die Republik!“) Nachdem der Beifall verrauscht war, ruft ein neben Liebknecht stehender Soldat und schwenkt die rote Fahne, die er in den Händen trägt: „Hoch lebe ihr erster Präsident Liebknecht!“ Liebknecht schloß: „Soweit sind wir noch nicht. Ob Präsident oder nicht, wir müssen alle zusammenstehen, um das Ideal der Republik zu verwirklichen. Hoch die Freiheit und das Glück und der Frieden!“ Bald darauf wurde an dem Mast der Kaiserstandarte die rote Fahne gehißt.

Auszüge zitiert nach: W. Elben: Die Weimarer Republik, 6. Auflage, Frankfurt/Main 1975, S. 14-15.

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