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Ernst Moritz Arndt: Germanien und Europa

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Im Jahr 1803 veröffentlichte der deutsche Schriftsteller Ernst Moritz Arndt sein Werk „Germanien und Europa“. Darin äußerte sich über die Notwendigkeit einer deutschen Nation, die er als „Opfer“ anderer europäischer Großmächte darstellt und als einheitlicher Staat verbunden haben möchte. Seine Schriftstücke gaben wichtige Impulse für den deutschen Nationalismus im 19. Jahrhundert, der in den Befreiungskriegen entstand in der Zeit des Vormärz immer größeren Auftrieb gewann.

Germanien und Europa

.[…] Nehmen wir Deutschland einmal als eine Einheit, die es wohl hätte werden können wie Frankreich und Großbritannien, die es aber nicht hat werden sollen; welche sind seine Naturgrenzen? Im Süden die Alpen und die Nordecke des Adriatischen Meeres; geographisch und linguisch würde die Schweiz fast ganz in diese Grenzen fallen; gegen Westen das Meer der französischen und batavischen Niederlande; diese Grenze ist seit dem sechszehnten Jahrhundert schon verletzt; das Nordmeer darf Deutschland ansprechen, weil fast der ganze Süden von Deutschland seiner Lage nach durch den Rhein sich dahin ziehen muß, Reichtümer und Kultur zu ernten; im Norden hat es nach seiner rechten Grenze die Eider und die Ostsee; und im Osten ist die jetzige politische auch allenfalls die geographische, weil sie überdem glücklich auch meistens die linguische ist. Diese Grenzen müßte das Vaterland auch als eine Einheit haben; jetzt hat sie die, so sie wirklich hat, nur politisch; denn die Vielherrschaft behauptet auch ihr besonderes Recht der Lage auf das Meer zum großen Nachteil der anderen. Die Oder und Elbe sind dem Böhmen und Sachsen vielleicht ebenso belastet, als ihnen, als Fremden der Tajo und der Po sein würden.

Von dieser Vielherrschaft brauche ich nichts Langes zu sagen; daß sie die Schande und das lange Unheil des Vaterlandes ist, das weiß ein jeder; daß sie vielleicht die Ursache der gänzlichen Unterjochung einst sein wird, das fürchten viele. Welche sind die Folgen dieser Vielherrschaft? Ich will nur einige kurz herrechnen. Dieser Vielherrschaft verdankt des Deutschland, so wie Italien der seinigen, daß es seit dritthalb hundert Jahren der Schauplatz aller Kriege gewesen ist, die oft mit seinem Blute und auf seine Kosten geführt sind. Haben nicht fast alle Nationen Europens wechselweise es alle zehn, zwanzig, dreißig Jahre in Kriegen zertrampelt? Und hat ein anderes Land, Italien und in den letzten hundert Jahren Polen ausgenommen, ein gleich hartes Schicksal gehabt? England hat sei dem dreizehnten Jahrhundert, die schottischen Streifereien ausgenommen, fast keine fremden Soldaten als Feinde auf seinem Boden gesehen; nach Rußland hat fast hundert Jahren kein fremdes Volk den Fuß gesetzt; so ist es in Spanien und Frankreich, in Schweden und Dänemark; die Grenzen abgerechnet, wissen sie beinahe nicht, was ein feindseliges Kriegsheer eines fremden Volkes mit sich bringt.

Aber nicht bloß von Fremden ist das Vaterland arg mitgenommen, und wird es bis auf den heutigen Tag; sondern der herrschsüchtige Ehrgeiz unserer Fürsten rief selbst diese Fremden gewöhnlich zum Verheeren herein, und lehrte diese Deutschen, mit diesen und ihren Landsleuten sich die Hälse zerbrechen. So ist es gegangen, und geht es alle Tage. Der Deutsche hat die ersten irdischen Gefühle von einem Staate verloren, die freilich an sich selbst nicht edel sind, noch schön, aber doch alles Edlen und Schönen Boden. Ein Volk, das hundert Herren hat, kann nie glücklich sein noch groß, weil ihm das Bewußtsein der Stärke, die Liebe zu einer großen Gesamtheit, der Aufopferung für diese Gesamtheit, fehlt. Die Idee der Gemeinschaft und des Vaterlandes fehlt ihm, die dauernd größte für ein Volk. […]

Ich habe schon mehr als einmal geäußert, was ich von der Universalität der Völker meine, und daß mit schlecht gefällt, was andere von einem allgemeinen Reiche und einem Zusammenschließen aller Völker mit der fortgehenden Vermenschlichung und Veredelung hoffen und träumen. Ich hasse jenes Zusammenfließen auf Erden, weil es ein Zerfließen, also ein politischer und moralischer Tod der verschiedenen Nationen wird. […]

Zitiert nach: Ernst Moritz Arndt, Germanien und Europa, Altona 1803, S. 410 ff. und 423 f, in: Was ist des deutschen Vaterland? Dokumente zur Frage der deutschen Einheit 1800-1990, hrsg. v. Peter Longerich, München 1990.






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