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Quellenverweise

Polybios: Kreislauf der Verfassungen

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Im 2. Jahrhundert v. Chr. publizierte der griechische Schriftsteller Polybios ein populäres Werk über die Universalgeschichte, die sich neben den Punischen Kriegen auch mit der Theorie des sogenannten Verfassungskreislaufs beschäftigte. Polybios lehrte, dass mit dem Königtum, der Aristokratie und der Demokratie drei Verfassungsformen zu unterscheiden seien, die wiederum naturbedingt in Gewalt und Ausschweifung ausarten und anschließend in einem ewigen Kreislauf ineinander übergehen (Geschichte VI, 3 ff):

Polybios: Kreislauf der Verfassungen

3. […] Die meisten, die uns eine Verfassungslehre haben geben wollen, unterscheiden drei Verfassungsformen, die sie Königtum, Aristokratie und Demokratie nennen. Man kann aber, wie mir scheint, mit Recht an sie die Frage richten, ob sie uns diese als die einzigen oder vielmehr als die besten vorstellen. In jenem wie in diesem Fall sind sie meines Erachtens gleichermaßen im Irrtum. Denn es ist klar, daß als die beste Verfassung die anzusehen ist, die alle drei genannten Einzelverfassungen in sich vereinigt. Dafür haben wir nicht nur theoretische Beweise, sondern auch einen praktischen in der Verfassung, die Lykurgos in dieser Weise den Spartanern gegeben hat. Aber auch, daß sie die einzigen seien, trifft nicht zu. Denn wir haben schon monarchische und tyrannische Staatsformen erlebt, die eine Ähnlichkeit mit dem Königtum zu haben scheinen, sich aber weit von ihm unterscheiden. Die Alleinherrscher bezeichnen sich nämlich alle nach Möglichkeit als Könige oder geben sich als solche aus. Ebenso gibt es nicht wenige Oligarchien, die eine Ähnlichkeit mit Aristokratien zu haben scheinen, aber himmelweit davon entfernt sind. Dasselbe gilt von der Demokratie.

4. Daß dies richtig ist, wird aus folgendem deutlich werden. Nicht jede Alleinherrschaft darf ohne weiteres Königtum heißen, sondern nur die, welche von den Untertanen als solches anerkannt wird und die das Regiment mit Einsicht, nicht mit Gewalt und Terror führt. Noch darf jede Oligarchie als Aristokratie gelten, sondern nur die, welche von einem auserwählten Kreis der gerechtesten und weisesten Männer gelenkt wird. Ebenso auch nicht als Demokratie ein Staat, in dem eine beliebige Masse Herr ist, zu tun, was ihr beliebt. Wo man jedoch nach Vätersitte die Götter fürchtet, Vater und Mutter ehrt, vor einem Älteren Respekt hat, den Gesetzen gehorcht, wenn sich in einer solchen Staatsordnung durchsetzt, was der Mehrheit richtig scheint, dort ist die Bezeichnung Demokratie am Platze. Man muß daher sechs Verfassungsformen ansetzten, die drei, die alle nennen und die auch ich an erster Stelle genannt habe, und drei weitere, mit jenen verwandte, Selbst- oder Alleinherrschaft, Oligarchie und Ochlokratie. Und zwar bildet sich zuerst auf natürlichem Wege und ohne Zutun die Alleinherrschaft heraus; auf sie folgt, aus ihr entwickelt sich durch ordnendes Eingreifen, durch Überwindung der Willkür das Königtum. Wenn dieses in die ihm von Natur naheliegenden Fehler verfällt, das heißt zur Tyrannis entartet, entsteht wiederum aus ihrem Sturz eine Aristokratie. Wenn diese, wie es in ihrer Natur liegt, zur Oligarchie abgleitet und das aufgebrachte Volk für die Untaten der leitenden Männer Rache nimmt, kommt es zur Demokratie. Der Übermut und die Zügellosigkeit des Volks wiederum führt mit der Zeit zur Ochlokratie. Daß die Entwicklung tatsächlich so verläuft, kann man am besten erkennen, wenn man auf die natürlichen Anfänge, das Werden, die Veränderung und den Wechsel dieser Staatsformen achtet. […]

5. […] Welches also ist der Anfang der Staaten, von dem ich sprach, und ihr erster Ursprung? Wenn durch Überschwemmungen, Seuchen, Mißwachs oder andere ähnliche Ursachen die Menschen dahingerafft werden – dies ist, wie wir wissen, schon geschehen und wird sich notwendig noch oft wiederholen -, wobei auch alle Kulturerrungenschaften verloren gehen, wenn dann aus den Überlebenden wie aus einem Samen mit der Zeit wieder eine gewisse Zahl von Menschen herangewachsen ist und diese sich, wie die Tiere zu Herden oder Rudeln, zueinander gesellen – denn wegen ihrer natürlichen Schwäche müssen sich auch die Menschen mit den Artgenossen zusammenschließen-, dann wird notwendig der körperlich Stärkste und Kühnste ihr Führer und Gebieter werden, wie dies auch bei den unvernünftigen Tieren als eine ganz natürliche Erscheinung zu beobachten ist, denn auch dort sehen wir ganz allgemein die Stärksten als Führer: Stiere, Eber, Hähne und so fort. Im Anfang muß so auch das Leben der Menschen gewesen sein, eine Vereinigung wie bei den Tieren zu Gruppen, die den Stärksten und Wehrhaftesten folgten. Maßstab für den Führungsanspruch war die körperliche Kraft, den Führer selbst kann man als Alleinherrscher bezeichnen. Wenn nun in diesen Gruppen, dadurch, daß die Menschen sich aneinander gewöhnen und zusammen aufwachsen, allmählich ein Gefühl der Zusammengehörigkeit und Gemeinschaft entsteht, dann ist dies der Anfang des Königtums, dann zuerst kommt bei den Menschen ein Begriff des Guten und Rechten auf und des Gegenteils. […]

7. So entsteht bei den Menschen auf natürlichem Wege zuerst der Begriff des Guten und Gerechten und ihres Gegenteils, dies ist Anfang und Ursprung wahren Königtums. Und nicht nur ihnen selbst, sondern auch ihren Nachkommen bewahrt das Volk lange die Herrschaft, überzeugt, daß diese, von solchen Männern abstammend und erzogen, auch die gleiche Gesinnung haben werden. Wenn sie aber einmal mit ihren Nachfolgern unzufrieden werden, dann wählen sie die Führer und Könige nicht mehr nach ihrer körperlichen Kraft und ihrem Mut, sondern auf Grund besonderer Einsicht und Weisheit, nachdem sie an den Tatsachen den Unterschied des Wertes jener und dieser Errungenschaften erfahren haben. In alter Zeit nun behielten die, welche einmal erwählt worden waren und diese Machtvollkommenheit erhalten hatten, die Königsherrschaft bis ins Alter, damit beschäftigt, beherrschende Höhen durch Mauern zu befestigen und Land hinzuzugewinnen, jenes aus Sicherheitsgründen, dieses, um ihre Untertanen reichlich mit allem Notwendigen versehen zu können. Während sie also dies als ihre Aufgabe betrachteten, waren sie zugleich aller Nachrede und allem Neid entrückt, denn sie unterschieden sich von den anderen weder sehr in der Kleidung noch im Essen und Trinken, sondern führten fast dasselbe Leben wie jene und sonderten sich nicht von der Menge ab. Als ihnen jedoch, Erben der Herrschaft allein durch Abstimmung, alles zu ihrer Sicherheit, alles, und mehr als genug, zu ihrer Nahrung zur Verfügung stand, da verleitete sie der Überfluß, ihren Begierden freien Lauf zu lassen; sie meinten, die Herrscher müßten andere und bessere Kleidung haben als ihre Untertanen, andere und bessere, erlesenere, raffinierter zubereitete Speisen zu ihrem Genuß, und es müßte ihnen, um der Lust frönen zu können, auch das Verbotene erlaubt sein. Dies erweckte Neid und Ärgernis, entflammte Zorn, Haß und Feindschaft, und nachdem das Königtum so zur Tyrannis geworden war, wurde dies auch der Anfang seines Untergangs, denn nun bildeten sich Verschwörungen gegen den Regenten, die nicht von den schlechtesten, sondern von den edelsten, hochgesinntesten und tapfersten Männern getragen waren, denn diese vermochten am wenigsten den Übermut und Frevel des Herrschers zu ertragen.

8. Da aber die Menge, sobald sie Führer gefunden hatte, diese aus den genannten Gründen gegen die Regierenden unterstützte, wurde die Verfassungsform des Königtums und der Alleinherrschaft vollständig abgeschafft, und die Aristokratie trat ins Leben und nahm ihren Anfang. Denn um denen, welche die Alleinherrschaft gestürzt hatten, sofort ihren Dank abzustatten, nahm das Volk sie zu Führern und legte diese mit dem anvertrauten Amt zufrieden und ließen sich nicht mehr angelegen sein als das Wohl der Gemeinschaft; sie führten sorglich und gewissenhaft die privaten und öffentlichen Angelegenheiten des Volkes. Als aber wiederum die Söhne von den Vätern diese Machtstellung übernahmen, ohne die Entartung des Königtums erlebt zu haben, ohne irgend etwas von bürgerlicher Gleichheit und Meinungsfreiheit zu wissen, aufgewachsen von frühester Jugend an im Glanz der väterlichen Machtstellung, da suchten sich die einen auf unrechtmäßigen Wege zu bereichern und verfielen der Habgier, andere der Trunksucht und der Völlerei, andere vergewaltigten Frauen und raubten Knaben und verwandelten so die Aristokratie in die Oligarchie. Diese erregte bei der Menge bald wieder dieselbe Empörung wie vorher die Tyrannis, und infolgedessen wurde sie am Ende ebenso gestürzt wie jene.

9. Denn wenn jemand, der den unter der Bürgerschaft herrschenden Neid und Haß gegen die Oligarchen sieht, den Mut faßt, mit Worten oder der Tat gegen sie aufzutreten, dann findet er das ganze Volk bereit, ihm beizustehen. Sie töten die einen, [treiben die anderen ins Exil], wagen nun aber weder einen König an die Spitze des Staates zu stellen, da sie noch mit Schrecken an das Unrecht denken, das sie unter der Königsherrschaft erlitten haben, noch die Leitung einer Mehrzahl anzuvertrauen, da ihnen die Unbill der jüngsten Vergangenheit noch vor Augen steht, sondern halten sich an die einzige Hoffnung, die ihnen noch übrig bleibt, die sie noch nicht getrogen hat, sich auf sich selbst zu verlassen. So machen sie aus der oligarchischen Verfassung eine Demokratie und übernehmen selbst die Fürsorge und Verantwortung für die öffentlichen Angelegenheiten. Und solange noch einige am Leben sind, die die Mißstände einer obrigkeitlichen Herrschaft erfahren haben, sind sie glücklich und zufrieden mit dem gegenwärtigen Zustand und achten nichts höher als Freiheit des Worts und der Meinung. Wenn jedoch eine neue Generation heranwächst und die Demokratie in die Hände der Enkel kommt, dann wissen sie diese Freiheit nicht mehr zu schätzen, weil sie sich schon daran gewöhnt haben, und suchen größere Macht und einen Vorrang vor der Menge zu erringen, und zwar geraten vor allem die Reichen auf diesen Abweg. Wenn sie nun bei ihrer Jagd nach den Ämtern das Ziel ihres Ehrgeizes nicht durch eigene Kraft und Tüchtigkeit erreichen können, verschwenden die ihr Vermögen, um die Menge auf alle Weise zu ködern und zu verführen. Nachdem sie so in ihrer unsinnigen Gier nach Ehre und Ansehen das Volk für Bestechungsgelder empfänglich gemacht und seine Habsucht geweckt haben, kommt es wiederum zum Sturz der Demokratie, und diese verwandelt sich in eine Herrschaft der rohen Gewalt. Denn die Menge, die sich daran gewöhnt hat, sich von fremdem Gut zu nähren und nur auf Kosten anderer meint leben zu können, braucht nur einen Führer mit kühnen, hochfliegenden Plänen, der aber wegen seiner Armut von den Ehrenstellen im Staat ausgeschlossen ist, zu finden, und schon ist die Herrschaft der brutalen Gewalt da. Das Volk rottet sich zur Vertreibung und zur Ermordung seiner Gegner und zur Neuverteilung des Landes zusammen, so lange, bis die vertierte Masse wieder einen Herrn, einen Alleinherrscher gefunden hat. […]

Auszüge zitiert nach: Polybios, Geschichte VI, 3 ff, 1. Bd, eingeleitet und übertragen von Hans Drexler, Zürich 1961.

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