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Quellenverweise

Gefallenenrede des Perikles (Peloponnesischer Krieg)

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Im Winter des ersten Kriegsjahres (431/30 v. Chr.) des Peloponnesischen Kriegs hielt der athenische Staatsmann Perikles eine berühmte Rede für die Gefallenen Mitbürger im Krieg. Darüber hinaus rühmte er das politische System der Athenischen Demokratie und stelle Athen als das mächtigste und prächtigste Zentrum Griechenlands dar. Der Geschichtsschreiber Thukydides hielt dessen Worte folgendermaßen fest (Thuk. II, 34-46):

Gefallenenrede des Perikles

In demselben Winter begingen die Athener nach der Sitte der Väter die öffentliche Leichenfeier für die, die in diesem Kriege zuerst gefallen waren. Die Gebeine der Gefallenen werden drei Tage vorher auf einem Gerüst ausgestellt. Ein jeder bringt dem Seinen nach Wunsch Spenden dar. Wenn dann die Bestattung erfolgt, fahren sie auf Wagen Särge aus Zypressenholz hinaus, einen für jede Phyle. Darin sind die Gebeine der Phyle, der ein jeder angehörte. Ein Bahre wir leer mitgetragen. Sie ist für die Vermißten hergerichtet, die zur Bestattung nicht gefunden wurden. Das Geleit gibt jeder, der will: Mitbürger und Freunde. Auch die verwandten Frauen nehmen teil und wehklagen am Grabe. Dann setzen sie die Gefallenen in der öffentlichen Begräbnisstätte bei, die sich in der schönsten Vorstadt befindet. Dort begraben sie immer ihre gefallenen Krieger, außer denen, die bei Marathon ihr Leben ließen. Ihnen errichteten sie als Auszeichnung für ihre hervorragende Tapferkeit an derselben Stelle auch das Grab. Wenn sie es mit Erde zugeschüttet haben, wird von der Stadt ein Mann gewählt, der durch Geist uns Ansehen hervorragt. Er hält auf die Gefallenen eine Lobrede, wie sie ihnen gebührt. Danach gehen sie heim. So bestatteten sie ihre gefallenen Soldaten. Während des ganzen Krieges folgten sie diesem Brauch bei jeder Bestattung ihrer Krieger. Bei diesen ersten nun wurde Perikles, des Xanthippos Sohn, zum Redner gewählt. Er trat auf ein hohes Gerüst, das zu diesem Zwecke errichtet worden war, um so weit wie möglich von der Volksmenge gehört zu werden, und redete also:

Meine Vorredner, die bisher an dieser Stätte gesprochen haben, preisen den Mann, der zu der hergebrachten Totenfeier noch die Lobrede gefügt hat, weil es eine schöne Sitte sei, bei der Bestattung der im Kriege Gefallenen solche Ansprachen zu halten. Mit würde es genügen, das ehrenvolle Andenken an Männer, die durch die Tat sich als tapfer bewiesen haben, auch nur durch die Tat zu wahren, wie es hier durch diese Feier geschieht; man sollte es nicht von der besseren oder geringeren Rednergabe eines einzigen abhängig machen, die Verdienste so vieler Männer zu beweisen; denn es ist schwer, den richtigen Ton da zu treffen, wo es schon Mühe kostet, daß die Zuhörer unvoreingenommen die Wahrheit aufnehmen; denn ein wohlwollender Zuhörer, der die Vorgänge selbst miterlebt hat, wird vielleicht meinen, die Darstellung bleibe hinter dem zurück, was er wünscht und was er weiß; der Unkundige dagegen wird manches für Übertreibung halten, und zwar aus Neid, wenn es etwas hört, das über seine Kräfte geht; denn insoweit läßt man sich die Lobreden auf andere gern gefallen, als man glaubt, imstande zu sein, vielleicht es dem gleich zu tun, was man hört; was aber darüber hinausgeht, das beneidet man und glaubt es daher nicht. Da aber unsere Vorfahren diesen Brauch für schön gehalten haben, so muß ich gehorchen und mich bemühen, euer aller Neigungen und Ansichten zu entsprechen, so weit ich es vermag.

Ich will mit unseren Vorfahren beginnen. Es ist billig und diesem Anlaß angemessen, ihnen ein ehrenvolles Andenken zu weihen. Sie haben, stets dieselben, d. h. in ununterbrochener Folge der Generationen, das Land bewohnt und es frei auf ihre Nachkommen vererbt. Nach größeres Lob verdienen unsere Väter. Sie erwarben zu dem Ererbten in harter Arbeit die gegenwärtige Herrschaft, die sie uns hinterlassen haben. Noch mehr haben wir selbst geleistet, die wir im höheren Mannesalter stehen. Wir haben die Stadt mit allem ausgerüstet, so daß sie allen Aufgaben des Krieges und des Friedens gewachsen ist. Ich will nicht vor erfahrenen Männern die einzelnen Kriegstaten aufzählen, durch die jenes alles erworben ist, wie wir selbst oder unsere Väter die feindlichen Angriffe der Barbaren oder der Hellenen mutig abgewehrt haben.Vielmehr will ich auseinandersetzen, welcher Art ihr Streben in der Gesamtheit, welcher Art ihr ganzes öffentliches Leben und ihre Denk- und Handlungsweise gewesen ist, durch die jene Größe begründet wurde. Erst dann werde ich zu dem Lob der Gefallenen übergehen. Ich glaube, eine solche Erörterung ist im gegenwärtigen Augenblick wohl angebracht; auch wird es von Nutzen sein, wenn alle Bürger unserer Stadt und die Fremden sie hören.

Wir leben unter einer Verfassung, die nicht auswärtigen Gesetzen nachgebildet worden ist; im Gegenteil: Wir sind eher für viele ein Muster, als daß wir andere nachahmen. Und weil unsere Verfassung nicht auf einer Minderheit, sondern auf der Mehrzahl der Bürger beruht, trägt sie den Namen „Demokratie“. Das ist so zu verstehen: Ein jeder hat, soweit es seine persönlichen Angelegenheiten angeht, die gleichen Rechte. Seine Stellung und Ehre im öffentlichen Leben aber richtet sich nach der Anerkennung, die er sich in irgendeinem Fache erwirbt, d. h. nicht auf Grund der Zugehörigkeit zu einer Partei, sondern auf Grund seiner Tüchtigkeit wird der einzelne herangezogen, und nicht ist die Armut der Grund für die niedrige Stellung und ein Hindernis, dem Staate nützliche Dienste zu leisten. Aber auch im täglichen privaten Leben, wo andere sich leicht mit Argwohn begegnen, sind wir großzügig: Wir verfolgen keinen mit unserem Zorn, der einmal einen übermütigen Streich begeht, ja, wir setzen nicht einmal eine verdrießliche Miene auf, die zwar nicht schadet, aber lästig ist. Mögen wir auch im privaten Verkehr über manches hinwegsehen, so halten wir uns doch im öffentlichen Leben streng an die Gesetze, und zwar aus sittlicher Scheu. Wir gehorchen der jeweiligen Obrigkeit und den Gesetzen selbst, nicht nur den Gesetzen, die zum Schutz der Unrechtleidenden gegeben worden sind, sondern auch denen, die allen Schande bringen, die solche Gesetze übertreten. Ja, wir haben uns auch für den Geist reichliche Erholung verschafft, indem wir Wettspiele und Feste veranstalten, die über das ganze Jahr verteilt sind, unsere Privathäuser geschmackvoll einrichten, um daran unsere tagtägliche Freude zu haben und den finsteren Trübsinn zu verscheuchen. Dazu strömen in unsere Stadt wegen ihrer Größe aus aller Welt alle möglichen Güter. Daher machen wir uns die Güter der übrigen Menschen ebensosehr zu eigen und genießen sie wir die heimischen. Wir unterscheiden uns auch auf dem Gebiete des Kriegswesens von unseren Gegnern: Wir gewähren jedem freien Zutritt zu unserer Stadt, und niemals haben wir durch die Ausweisung der Fremden jemand daran gehindert, Dinge kennenzulernen und zu sehen, aus denen der Feind Nutzen ziehen könnte; denn wir setzen unser Vertrauen weniger auf versteckte Vorkehrungen und auf Kriegslist als auf Kampfesmut, der aus unserem Herzen kommt.

Und unsere Erziehung? Während jene (die Spartaner) von frühester Kindheit an durch Drill und mühselige Abhärtung rastlos der Tapferkeit nachjagen, gehen wir trotz ungebundener Lebensweise ebenso mutig gleichgroßen Gefahren entgegen. Dafür folgender Beweis: Die Lakedämonier ziehen nicht allein, sondern zusammen mit allen ihren Verbündeten gegen uns zu Felde; wir durchziehen dagegen ganz allein das Land der Nachbarn und tragen in der Fremde in der Regel einen leichten Sieg davon über diejenigen, die ihr Hab und Gut verteidigen. Übrigens hat sich noch kein Feind unserer vereinten Macht gestellt, weil wir zugleich das Seewesen sorgfältig betreiben und zu Lande aus unserer Mitte Leute ausschicken. Treffen sie aber einmal auf einen Teil unserer Streitmacht, so behaupten sie, falls sie Sieger bleiben, sie hätten unsere Gesamtmacht geschlagen; werden sie besiegt, sie seien unserem ganzen Heere unterlegen. Und doch: Wenn wir ein ungebundenes Leben und Sorglosigkeit der Engherzigkeit und mühevoller Übung vorziehen und entschlossen sind, mit einer Tapferkeit, die nicht auf den Gesetzen, sondern auf dem Charakter beruht, Gefahren zu bestehen, so haben wir den Vorteil, daß wir uns nicht das Leben verbittern im Hinblick auf Leiden, die uns noch bevorstehen. Kommen aber die Leiden, so zeigen wir uns nicht weniger mutig als sie, welche sich immer abmühen. Unsere Stadt verdient sowohl hierin als auch in anderen Dingen Bewunderung.

Wir lieben die Kunst, doch ohne Verschwendung; wir lieben die Wissenschaften, ohne dadurch an Tatkraft zu verlieren. Reichtum gebrauchen wir mehr als Mittel zur Betätigung denn als Gegenstand prahlerischer Rede. Seine Armut einzugestehen, ist für niemand schimpflich; um so größer aber ist die Schande, wenn einer sich aus der Armut nicht herausarbeitet. Bei uns sind häusliche und öffentliche Pflichten eng verbunden. In uns steckt die Fähigkeit, die Staatsangelegenheiten völlig hinreichend zu beurteilen, auch wenn wir uns anderen Aufgaben zugewandt haben. Wir allein sehen in demjenigen, der am öffentlichen Leben keinen Anteil nimmt, nicht einen ruheliebenden Bürger, sondern ein faules und unnützes Glied des Staates. Die Gesamtheit der Bürger bringt (durch Abgabe der Stimme) die Staatsgeschäfte zur Entscheidung oder macht sich über sie seine Gedanken. Dabei glauben wir nicht, daß das Reden dem Handeln Nachteil bringt, sondern halten es vielmehr für einen Schaden, nicht vorher durch Reden belehrt zu werden, ehe man zur Tat schreitet; denn wir haben auch den Vorzug, daß wir in hohem Maße zugleich Wagemut besitzen und unsere Unternehmungen sorgfältig berechnen. Dagegen pflegt für andere Unwissenheit eine Quelle der Verwegenheit, Überlegung eine Quelle der Unentschlossenheit zu sein. Für die Mutigsten werden aber mit Recht die gehalten, welche die Beschwerden und Unannehmlichkeiten klar erkennen und dennoch nicht vor den Gefahren zurückschrecken. Auch in der Menschenfreundlichkeit unterscheiden wir uns von den meisten; denn nicht dadurch, daß wir Wohltaten empfangen, sondern dadurch, daß wir Wohltaten erweisen, gewinnen wir unsere Freunde; gesicherter aber ist der Wohltäter, weil sich ihm der, der das Wohlwollen erfuhr, verpflichtet fühlt. Der Schuldner ist gleichgültiger, da er weiß, daß er die Wohltat nicht als Dank, sondern als Schuld vergilt. Wir sind die einzigen, die nicht so sehr des berechneten Nutzen wegen wir um der sicheren Freiheit willen anderen ohne Furch helfen.

Zusammenfassend behaupte ich: Unsere Stadt ist nicht nur im ganzen für Hellas die Schule jeder geistigen Bildung, sondern jeder einzelne Athener vermag auch – niemand hindert ihr daran – seine individuelle Persönlichkeit nach den verschiedensten Seiten des Lebens und Wirkens hin und zugleich mit größter Armut und Gewandtheit zu entfalten. Daß dieses nicht leere, für diesen Augenblick berechnete Worte sind, sondern die volle Wahrheit, das beweist die Macht unserer Stadt, die wir durch solche Denk- und Handlungsweise erlangt haben; denn unsere Stadt ist die einzige unter den Städten heute, die sich der Probe mit größter Stärke stellt, als ihr Ruf ist. Sie allein ruft weder bei dem angreifenden Feind Unwillen hervor, von was für Gegnern er Übles erleide, noch beim Unteranen Tadel, daß er von Unwürdigen beherrscht werde. Mit großen Zeichen üben wir unsere offen bezeugte Macht aus und werden ihretwegen sowohl bei der jetzt lebenden Generation als auch bei der Nachwelt Bewunderung hervorrufen. Wir brauchen keinen Homer oder einen anderen Lobredner, dessen willkürliche Darstellung – bei allem Reiz der Dichtung – durch die Tatsachen widerlegt sind. Vielmehr haben wir uns durch unseren Wagemut auf allen Meeren und in allen Ländern Bahn gebrochen und überall unvergängliche Denkmäler durch unsere Niederlassungen errichtet. Eine solche Stadt ist es also, für deren Besitz diese Männer heldenmütig in Kampf und Tod gegangen sind. Ebenso muß von uns Überlebenden ein jeder entschlossen sein, für diese Stadt die größten Mühen auf sich zu nehmen.

Ich habe so ausführlich von unserer Stadt geredet, um euch zu zeigen, daß wir nicht für das gleiche kämpfen wie andere, die dieses alles nicht besitzen. Zugleich wollte ich das Lob auf die Gefallenen durch Beweise erhärten, das Lob, das ich schon weitgehend ausgesprochen habe: Was ich an unserer Stadt pries, verdankt sie diesen vortrefflichen Männern, und nur bei wenigen Griechen werden Lob und Leistung sich so die Waage halten. Der Tod dieser Männer enthüllt ihren Wert. Selbst wenn einige von ihnen sonst weniger taugten, so sollten wir doch ihren Mannesmut, den sie für ihre Heimat bewiesen, höher stellen: Sie haben Schlechtes durch Gutes getilgt und dadurch gemeinsam mehr geholfen, als im einzelnen geschadet. Keiner verhielt sich feige, um einen Reichtum länger genießen zu können. Keiner, der arm war, hat sich in der Hoffnung, wenn er gerettet werden, vielleicht noch reich zu werden, der Gefahr entzogen. Sich an den Feinden zu rächen, war für sie verlockender als alles dieses. Von allen Wagnissen erschien ihnen dieses als das schönste, darum wählten sie dieses und verzichteten auf das andere. Sie gaben die Hoffnung bei aller Ungewißheit des Erfolges nicht auf und vertrauten bei ihrem Handeln auf sich selbst. Sie hielten es für ehrenvoller, sich zu wehren und zu leiden als zu weichen und sich dadurch zu retten. So haben sie schimpfliches Gerede vermieden und durch ihre Taten bestanden. In dem Augenblick kürzester Entscheidung sind sie viel mehr auf dem Höhepunkt ihres Ruhmes als der Furcht geschieden.

So haben diese Männer sich unserer Stadt würdig gezeigt und tapfer gekämpft; die übrigen sollen zwar um ein gefahrloseres Leben beten, sie sollen sich aber unseren Feinden gegenüber nicht weniger mutig zeigen. Sie dürfen sich nicht nur in ihren Gedanken den Vorteil vor Augen führen. Lange und ausführlich könnte einer euch darüber etwas vortragen. Ihr wißt selbst genug, welchen Vorteil ihr gewinnt, wenn ihr die Feinde abwehrt. Ihr müßt euch vielmehr täglich vor Augen führen, wie mächtig unsere Stadt in Wirklichkeit ist und müßt sie mit der Hingabe eures Herzens lieben. Und wenn sie euch dann groß erscheint, solltet ihr daran denken, daß kühne Männer mit der Einsicht für das, was nötig ist, und durch ehrenvolles Handeln das errungen haben. Sie opferten unserer Stadt ihr Leben und hätten es als unrecht empfunden, wenn sie bei unglücklichen Unternehmungen an ihrem hohen Mut gezweifelt hätte; denn gemeinsam gaben sie ihre Leiber hin und errangen dadurch das hohe Lob, das niemals altert, und ein Grab, das weithin leuchtet. Ich meine nicht das Grab an dem Ort, wo sie ruhen, sondern ihren unvergeßlichen Ruhm. Das Grab hervorragender Männer ist jedes Land. Nicht nur die Aufschrift auf Tafeln legt in der Heimat Zeugnis von ihnen ab, auch in der Fremde lebt das Andenken mehr an ihre Gesinnung als an ihre Tat fort. Solche Vorbilder sollen euch ein Ansporn sein, euer Glück in der Freiheit zu sehen und die Freiheit in einem kühnen Mut, ohne euch dabei nach den Gefahren des Krieges allzu sehr umzusehen; denn nicht der Elende, der nichts Gutes mehr zu erhoffen hat, hat so viel Grund, sein Leben hinzugeben wie der, dessen Leben noch einen großen Umschwung erfahren kann und bei dessen Sturz sich ein tiefer Abgrund auftut; denn für einen stolzen Mann ist, wenn er sich feige zeigt, die Schmach schmerzvoller als der Tod, wenn er ihn in den besten Mannesjahren und noch voller Erwartungen unbemerkt dahinrafft. Daher will ich auch die hier anwesenden Eltern der Gefallenen weniger beklagen als trösten. Sie wissen, unter welche welchselvollem Schicksal sie heranwuchsen, und daß diejenigen glücklich zu nennen sind, denen ein ebenso glücklicher Tod zuteil wurde, wie ihr Leben glücklich gewesen ist. Freilich, es ist schwer für euch, das zu glauben, und noch oft werdet ihr euch an sie erinnern, wenn ihr das Glück anderer seht, das auch euch einst beschieden war. Güter, die man nicht genossen hat, vermißt man ohne Trauer, tiefen Kummer dagegen bereitet der Verlust dessen, was einem ans Herz gewachsen ist. Ihr müßt es jedoch ertragen; wer noch jung genug ist, Kinder zu erzeugen, in der Hoffnung auf andere Söhne. Die werden euch mit der Zeit die Gefallenen vergessen lassen, und unserer Stadt bringen die Nachgeborenen einen doppelten Vorteil: Sie wird weder entvölkert, noch verliert sie an Sicherheit. Nur dessen Rat wird gleicher- und gerechtermaßen Gewicht haben, wer durch seine Kinder an den Gefallenen teilhat. Ihr anderen aber, die ihr über das Alter hinaus seid, haltet den größeren Teil eures Lebens, in dem ihr glücklich wart, für einen Gewinn. Der Rest eures Lebens währt nur noch eine kurze Spanne. Darum richtet euch auf an den Ruhm euerer Söhne; denn nach Ehre strebt der Mensch bis ins hohe Alter. Sie bleibt für ihn die Quelle größter Freunde, nicht, wie viele sagen, der erworbene Reichtum.

Ihr Söhne und Brüder der Gefallenen werdet einen harten Wettkampf zu bestehen haben: Den Toten spendet ein jeder gern sein Lob. Nur durch große Taten werdet ihr daher ihnen gegenüber bestehen; denn Neid hegen die Lebenden gegen die, die mit ihnen wetteifern, während die Toten durch die Gunst aller geehrt werden. Soll ich nun noch der Tugend der Frauen gedenken, die Witwen sein werden, so kann ich mit kurzem Zuspruch alles sagen: Für euch ist es ein großer Ruhm, wenn ihr euerer Natur treu bleibt und unter den Männern am wenigsten von Tugend oder Tadel die Rede ist. Ihr habe in meiner Rede gesprochen, wie es Brauch ist und mir geeignet erschien. Den Bestatteten ist ein Teil der Ehre bereits erwiesen worden. Ihre Söhne werden auf Staatskosten solange erzogen werden, bis sie zu Männern herangewachsen sind. Damit setzt unsere Stadt einen nützlichen Kranz für solche Kämpfe sowohl für die Gefallenen als auch für die Überlebenden aus; denn wo für Tapferkeit die höchsten Preise ausgesetzt sind, dort sind auch die besten Bürger. Nun erhebe ein jeder seine Klage und gehe dann nach Haus.

Zitiert nach: Thukydides II 34-46, Geschichte des Peloponnesischen Krieges, übersetzt von Georg Peter Landmann, in: H. Brauer: Die Entwicklung der Demokratie in Athen, Geschichtliche Quellen, Paderborn 1983, S. 58 ff.

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