Eduard Bernstein: Zuschrift an den Parteitag der SPD zu Stuttgart

Aufgrund der Industrialisierung und der sozialen Probleme für die Arbeiter hatte sich seit Mitte des 19. Jahrhunderts eine breite Arbeiterbewegung formiert. Innerhalb dieser Gruppierung gab es allerdings einige Unterschiede, die später zur Spaltung in Sozialdemokraten und Sozialisten führten. Dies wird anhand der 1898 publizierten Zuschrift des SPD-Politikers Eduard Bernstein an den Parteitag zu Stuttgart deutlich. Darin kritisierte er folgende Punkte der Sozialisten:

Die Prognose, welche das Kommunistische Manifest der Entwicklung der modernen Gesellschaft stellt, war richtig, soweit sie die allgemeinen Tendenzen dieser Entwicklung kennzeichnete. Sie irrte aber in verschiedenen speziellen Folgerungen, vor Allem in der Abschätzung der Zeit, welche die Entwicklung in Anspruch nehmen würde. Letzteres ist von Friedrich Engels, dem Mitverfasser des Manifestes, Vorwort zu den Klassenkämpfen in Frankreich rückhaltslos anerkannt worden. Es liegt aber auf der Hand, daß, indem die wirthschaftliche Entwicklung eine weit größere Spanne Zeit im Anspruch nahm als vorausgesetzt wurde, sie auch. Formen annehmen ‚ zu Gestaltungen führen musste, die im Kommunistischen Manifest nicht vorausgesehen wurden und nicht vorausgesehen werden konnten.

Die Zuspitzung der gesellschaftlichen Verhältnisse hat sich nicht in der Weise vollzogen, wie sie das Manifest schildert. Es ist nicht nur nutzlos, es ist auch die größte Torheit, sich dies zu verheimlichen. Die Zahl der Besitzenden ist nicht kleiner, sondern größer geworden. Die enorme Vermehrung des gesellschaftlichen Reichtums wird nicht von einer zusammenschrumpfenden Zahl von Kapitalmagnaten, sondern von einer wachsenden Zahl von Kapitalisten aller Grade begleitet. Die Mittelschichten ändern ihren Charakter, aber sie verschwinden nicht aus der gesellschaftlichen Stufenleiter.

Die Konzentrierung der Produktion vollzieht sich in der Industrie auch heute noch nicht durchgängig mit gleicher Kraft und Geschwindigkeit. In einer großen Anzahl Produktionszweige rechtfertigt sie zwar alle Vorhersagungen der sozialistischen Kritik, in anderen Zweigen bleibt sie jedoch noch heute hinter ihnen zurück. Noch langsamer geht der Prozeß der Konzentration der Landwirtschaft vor sich. Die Gewerbestatistik weist eine außerordentlich abgestufte Gliederung der Betriebe auf; keine Größenklasse macht Anstalt, aus ihr zu verschwinden. Die bedeutsamen Veränderungen in der inneren Struktur der Betriebe und ihren gegenseitigen Beziehungen kann über diese Tatsache nicht hinwegtäuschen. […]

Auszüge zitiert nach: W. Lautemann, M. Schlenke (Hg.), Geschichte in Quellen, Das bürgerliche Zeitalter 1815-1914, München 1980, S. 879f.

Fabio Schwabe

Der Autor

Dieser Beitrag wurde am 06.03.2016 verfasst von Fabio Schwabe, Mettmann. Die aktuelle Version stammt vom 06.03.2016. Fabio Schwabe ist Gymnasiallehrer der Fachrichtung Geschichte und Gründer von Geschichte kompakt

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