Geschichte – Beispielklausur

 

Ferdinand Lassalle: Aus dem Arbeiterprogramm (1862) – Thema Industrielle Revolution

 

Insofern aber und insoweit die unteren Klassen der Gesellschaft die Verbesserung ihrer Lage als Klasse, die Verbesserung ihres Klassenloses erstreben, insofern und insoweit fällt dieses persönliche Interesse, statt sich der geschichtlichen Bewegung entgegenzustellen und dadurch zu jener Unsittlichkeit verdammt zu werden, seiner Richtung nach vielmehr durchaus zusammen mit der Entwicklung des gesamten Volkes, mit dem Siege der Idee, mit den Fortschritten der Kultur, mit dem Lebensprinzip der Geschichte selbst, welche nichts anderes als die Entwicklung der Freiheit ist.

Oder, wie wir schon oben sahen, Ihre Sache ist die Sache der gesamten Menschheit. Sie sind somit in der glücklichen Lage, meine Herren, dass Sie, statt abgestorben sein zu können für die Idee, vielmehr durch Ihr persönliches Interesse selbst zur höchsten Empfänglichkeit für dieselbe bestimmt sind. Sie sind in der glücklichen Lage, dass dasjenige, was Ihr wahres persönliches Interesse bildet, zusammenfällt mit dem zuckenden Pulsschlag der Geschichte, mit dem treibenden Lebensprinzip der sittlichen Entwicklung. Sie können daher sich der geschichtlichen Entwicklung mit persönlicher Leidenschaft hingeben und gewiß sein, daß Sie um so sittlicher dastehen, je glühender und verzehrender diese Leidenschaft in ihrem hier entwickelten reinen Sinne ist.

Dies sind die Gründe, meine Herren, weshalb die Herrschaft des vierten Standes über den Staat eine Blüte der Sittlichkeit, der Kultur und Wissenschaft herbeiführen muss, wie sie in der Geschichte noch nicht dagewesen. Hierzu führt aber auch noch ein anderer Grund, der selbst wieder auf das innigste mit allen von uns angestellten Betrachtungen zusammenhängt und ihren Schlussstein bildet. Der vierte Stand hat nicht nur ein anderes formelles, politisches Prinzip als die Bourgeoisie, nämlich das allgemeine direkte Wahlrecht an Stelle des Zensus der Bourgeoisie, er hat ferner nicht nur durch seine Lebensstellung ein anderes Verhältnis zu den sittlichen Potenzen als die höheren Stände, sondern er hat auch — zum Teil infolge hiervon — eine ganz andere, ganz verschiedene Auffassung von dem sittlichen Zweck des Staates als die Bourgeoisie.

Die sittliche Idee der Bourgeoisie ist diese, dass ausschließend nichts anderes als die ungehinderte Selbstbetätigung seiner Kräfte jedem einzelnen zu garantieren sei. Wären wir alle gleich stark, gleich gescheit, gleich gebildet und gleich reich, so würde diese Idee als eine ausreichende und sittliche angesehen werden können. Da wir dies aber nicht sind und nicht sein können, so ist dieser Gedanke nicht ausreichend und führt deshalb in seinen Konsequenzen notwendig zu einer tiefen Unsittlichkeit. Denn er führt dazu, dass der Stärkere, Gescheitere, Reichere den Schwächeren ausbeutet und in seine Tasche steckt. Die sittliche Idee des Arbeiterstandes dagegen ist die, dass die ungehinderte und freie Betätigung der individuellen Kräfte durch das Individuum noch nicht ausreiche, sondern dass zu ihr in einem sittlich geordneten Gemeinwesen noch hinzutreten müsse: die Solidarität der Interessen, die Gemeinsamkeit und die Gegenseitigkeit in der Entwicklung. Entsprechend diesem Unterschiede, fasst die Bourgeoisie den sittlichen Staatszweck so auf: er bestehe ausschließend und allein darin, die persönliche Freiheit des einzelnen und sein Eigentum zu schützen.

Dies ist eine Nachtwächteridee, meine Herren, eine Nachtwächteridee deshalb, weil sie sich den Staat selbst nur unter dem Bilde eines Nachtwächters denken kann, dessen ganze Funktion darin besteht, Raub und Einbruch zu verhüten. Leider ist diese Nachtwächteridee nicht nur bei den eigentlichen Liberalen zu Hause, sondern selbst bei vielen angeblichen Demokraten, infolge mangelnder Gedankenbildung, oft genug anzutreffen. Wollte die Bourgeoisie konsequent ihr letztes Wort aussprechen, so müsste sie gestehen, dass nach diesen ihren Gedanken, wenn es keine Räuber und Diebe gebe, der Staat überhaupt ganz überflüssig sei. Ganz anders, meine Herren, fasst der vierte Stand den Staatszweck auf, und zwar fasst er ihn so auf, wie er in Wahrheit beschaffen ist. Die Geschichte, meine Herren, ist ein Kampf mit der Natur; mit dem Elende, der Unwissenheit, der Armut, der Machtlosigkeit und somit der Unfreiheit aller Art, in der wir uns befanden, als das Menschengeschlecht im Anfang der Geschichte auftrat. Die fortschreitende Besiegung dieser Machtlosigkeit — das ist die Entwicklung der Freiheit, welche die Geschichte darstellt. […]

Auszüge zitiert nach: Ferdinand Lassalle, Reden und Schriften, München (dtv) 1970, S. 54-56.

Hinweis zum Autor: Ferdinand Lassalle war ein sozialistischer Politiker und Mitbegründer sowie Präsident des „Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins“.

Aufgabe 1: Analysiere den vorliegenden Text und erläutere Ferdinand Lassalles zentrale Thesen!

Aufgabe 2: Ordne diese in den historischen Kontext ein!

Aufgabe 3: Beurteile, inwiefern die Industrielle Revolution Ferdinand Lassalles „Arbeiterprogramm“ beeinflusst haben könnte!

 

Aufgabe 1:

Die vorliegende Quelle vom Sozialisten Ferdinand Lassalle ist eine 1862 im „Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein“ publizierte politische Programmschrift, in der dieser die Ziele seines „Arbeiterprogramms“ rechtfertigen will. Lassalle richtet sich darin an eine deutsche politisch-interessierte Öffentlichkeit, darunter vor allem die Arbeiterschaft und Bourgeoisie.

Zu Beginn des Textes behauptet Lassalle, dass die unteren Gesellschaftsklassen eigene Interessen in den Hintergrund stellten und gemeinsam für die Freiheit kämpften, wenn sie nach Verbesserung ihrer Lebenslage streben würden. An dieser Stelle spricht er davon, dass sie die Anliegen der „gesamten Menschheit“ verträten. Damit schreibt Lassalle den politischen Zielen der ärmeren Gesellschaft einen allgemeinen Charakter zu. Die Interessen der Arbeiterschaft seien seiner Meinung nach eine historisch-sittliche Entwicklung, die dem natürlichen geschichtlichen Verlauf folge. In diesem Kontext grenzt er die Klasse der Arbeiter, den „vierten Stand“, deutlich von der Bourgeoisie, dem Bürgertum, ab. Lassalle bemängelt die Tatsache, dass sich die Bourgeoisie lediglich für die persönlichen Freiheitsrechte des Einzelnen einsetze und dabei die gesellschaftlich-sozialen Unterschiede der Menschen nicht berücksichtige. Da nicht alle gleich gebildet und wohlhabend seien, führe dies zu Unsittlichkeit und zur Ausbeutung der Schwächeren durch die Stärkeren. Die politischen Ziele der Bourgeoisie, die Freiheit und das Privateigentum schützen zu wollen, diffamiert Lassalle als „Nachtwächteridee“. Diesbezüglich habe der Staat lediglich die Aufgabe, die Menschen vor Raub und Einbruch zu schützen. Diese Idee würden sogar auch einige Demokraten, die eigentlich im Widerspruch mit der Bourgeoisie ständen, bevorzugen. Ferdinand Lassalle will diese politischen Ziele im Sinne der Arbeiterschaft weiter ausführen und nahezu gleiche Bedingungen für alle schaffen. Seiner Ansicht nach sei der geschichtliche Verlauf ein langer Kampf mit der Natur, Elend, Armut, Machtlosigkeit und Unfreiheit. Die Besiegung dieser Übel könne mit der Entwicklung der Freiheit gleichgesetzt werden. Mit diesen Worten stellt Lassalle die politische Herrschaft der Arbeiterschaft als historisch begründete Folge dar.

 

Aufgabe 2: 

Ferdinand Lassalles „Arbeiterprogramm“ von 1862 fiel in eine Zeit, in der die Lebenslage der deutschen Arbeiterschaft von den Folgen der Industriellen Revolution geprägt war. Nachdem England bereits in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts die „erste“ industrielle Revolution erfasst hatte, setzte diese im deutschen Sprachraum um 1850 ein. Daher wird die ökonomische Entwicklung im Deutschen Bund auch als „zweite“ industrielle Revolution bezeichnet. Die Voraussetzungen dafür waren ein universales Bevölkerungswachstum und technische Veränderungen. Demzufolge entstanden neue Fabriksysteme, die Dampfmaschine ersetzte traditionelle Handarbeit und der Eisenbahnbau beschleunigte den wirtschaftlichen Verkehr. Durch die Einführung des Freihandels konnte folglich mehr Kapitel in die Unternehmen gesteckt werden. Dies führte zu einer effizienten Produktivität und ließ zahlreiche bürgerliche Unternehmer reich werden. Unmittelbar damit verbunden waren auch gesellschaftliche Unterschiede, die die Schere zwischen Arm und Reich stark vergrößerten. Der wirtschaftliche Aufstieg der Unternehmer hatte auf der anderen Seite eine zunehmende Verarmung der Arbeiterschichten zur Folge. Durch die Einführung moderner Maschinen, die die Handarbeit ersetzten, entstand Massenarbeitslosigkeit. Da die Unternehmer ihre Arbeitskräfte finanziell ausbeuteten, es keine soziale Absicherung gab und anstrengende Heimarbeit betrieben werden musste, entwickelte sich in den unteren Gesellschaftskreisen die „Soziale Frage“. Diesbezüglich suchten die Philosophen Karl Marx und Friedrich Engels nach Möglichkeiten, die die gesellschaftlichen Unterschiede aufheben sollten. Sie kritisierten den Kapitalismus, die Ausbeutung der Arbeiterschaft durch die Bourgeoisie und forderten die Abschaffung des Privateigentums. Indem sie ein System von sozialer Gerechtigkeit betonten, wurden sie zu den Urhebern der politischen Strömungen des Sozialismus und Kommunismus. Von diesen Denkansätzen wurde auch Ferdinand Lassalle beeinflusst, der die soziale Gerechtigkeit in seinem „Arbeiterprogramm“ forderte. 

 

3. Aufgabe: 

Das 1862 erschienene „Arbeiterprogramm“ vom Sozialisten Ferdinand Lassalle war unmittelbar mit den Folgen der Industriellen Revolution verbunden. Durch die technologischen Erfindungen wurde die traditionelle Handarbeit, die für zahlreiche Menschen zum langjährigen Beruf gehört hatte, zunehmend ersetzt. Dies führte dazu, dass es immer mehr lohnabhängige Arbeiter als Arbeitsplätze gab. Dadurch verringerte sich der Wert der Arbeitskräfte, sodass die Unternehmer diesen minimalen Lohn auszahlen konnten. Diese Umstände wurden durch die Einführung des Freihandels ermöglicht, wodurch die Menschen über mehr Kapital verfügten und dieses in ihre Unternehmen steckten. Der wirtschaftliche Aufstieg der Bourgeoisie hatte große gesellschaftliche Veränderungen zur Folge. Durch die gleichzeitige Abschaffung der Zünfte, die zur langjährigen Existenzgrundlage der unteren Gesellschaftsschichten gehört hatten, fehlte den Arbeitern infolgedessen eine soziale Absicherung. Um die „Soziale Frage“ der Arbeiterschaft zu lösen, entwarfen die sozialistischen Philosophen Karl Marx und Friedrich Engels mit dem Sozialismus und Kommunismus neue Ideologien. Die von ihnen ins Leben gerufenen Denkansätze hatten unter anderem Einfluss auf das „Arbeiterprogramm“ von 1862. Darüber hinaus wurden der Sozialismus und Kommunismus aber auch zur Grundlage für die Bildung zahlreicher Arbeitervereine und Gewerkschaften, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstanden und zunehmend politischen Einfluss gewannen. Darunter gehört schließlich auch der „Allgemeine Deutsche Arbeiterverein“, der 1862 von Ferdinand Lassalle mitbegründet wurde und sich zum Vorbild für viele nachfolgende sozialistische und sozialdemokratische Parteien entwickelte.

 

Nebenbemerkungen: Die vorliegende Beispielklausur wurde von Fabio Schwabe, dem Mitgründer von Geschichte kompakt, konzipiert. Sie dient als hinreichender Lösungsvorschlag und hat keine allgemein verbindliche Bedeutung.

Beispielklausur
5 (100%) 1 vote



Google